Da werden Freiheitslieder angestimmt!

Musik im Zeichen von Freiheit, Reisen und Migration

5. November 2026

Lesezeit: 13 Minute(n)

Text: Ulrike Zöller

Es ist Anfang Dezember 1989, ich sitze mit meiner Familie beim Abendessen in unserem Haus am Waldrand. Auf einmal leuchten Scheinwerfer auf, wir hören ein uns ungewohntes Motorengeräusch. Ein kleines Auto, in der Dunkelheit nicht direkt sichtbar. Wir denken an ein Liebespaar, das einen Platz am Waldrand gesucht hat und ziehen uns diskret vom Fenster zurück. Am nächsten Morgen steht das beige Auto immer noch da. Ein Trabant, wohl der erste, der jemals Herrschinger Boden erfahren hat. Drinnen sitzt eine vierköpfige Familie, sie hatten im Trabi sitzend bei eisigen Temperaturen übernachtet. Als ich ihnen einen schnell aufgebrühten Tee in einer Thermoskanne bringen will, ist der Platz leer.

Später habe ich weltweit viele reisefreudige DDR- Bürger getroffen, allen voran einen Leipziger Musiktherapeuten, der eine CD mit Musik von der Osterinsel her­aus­ge­bracht hatte. Wie er ausgerechnet auf die Osterinsel gekommen sei, fragte ich ihn. »Als im Herbst 1989 klar wurde, dass wir jetzt überall hinreisen dürfen, habe ich auf den Globus geschaut, was der entfernteste Punkt von Leipzig ist. Und das war die Osterinsel.« So haben wir unwiederbringliche Musikaufnahmen der neu gewonnenen Reisefreiheit zu verdanken.

Folkländer

Archiv Bernhard Hanneken

Die Sehnsucht nach freiem Reisen

Tatsächlich haben viele DDR-Bürger immer wieder beklagt, dass trotz aller anderen Restriktionen das Reiseverbot für sie das Schlimmste sei. Aha! Das beantwortete mir eine Frage, die sich mir schon vor dem Fall der Mauer gestellt hatte: Warum singen so viele DDR-Folkgruppen Wander- und Reiselieder aus dem 19. Jahrhundert und die Lieder der Handwerksgesellen? Gute Nacht, auf Wiedersehn, Marie (wir drei wir gehn jetzt auf die Walze heijo wohl in die weite Welt), das Auswandererlied (Ich verkauf mein Gut und Häuselein und mein so geringes Geld, nach Amerika zu ziehen, einem andern Teil der Welt), Fahr away, oder das vom fränkischen Franz Wilhelm Ditfurth (1801–1880) überlieferte Handwerkerlied ­Lustig, lustig ihr lieben Brüder wurden in den 1970/80er-Jahren in der DDR-Folkszene zu Kultliedern. Vor allem letzteres eignete sich gut dazu, Widerstand zu zeigen, ohne Folgen befürchten zu müssen. Nachdem zunächst all die Orte aufgezählt werden, die man gern besuchen wollte – Bremen, Hamburg, Kopenhagen – und die Stasi-Beobachter nicht mehr hinhörten, wurde besonders herzhaft eine Strophe gesungen:

Ja, weg mit Meistern und mit Pfaffen / Kaiser, König solln sich raffen! / Ja, weg, wer kommandieren will! / Denn wir sind alle freie Leute, / Die ganze Welt gehöret uns als Beute. / Ja, also ist es gut und recht!

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Aus der Zeit des Kaiserreichs ist dieses Lied überliefert, die Vermutung liegt nahe, dass es bereits vor 1871 gesungen wurde. In der Zeit einer regelrechten Auswanderungswelle, vor allem in das Freiheitsland Amerika. Die klassische Auswanderungszeit sind die Jahre um 1848 herum, in dem viele Deutsche die Freiheit in den USA gesucht haben. Politische Freiheitssuchende kamen dabei hauptsächlich aus Franken und aus der Pfalz, die zwischen 1816 und 1946 zu Bayern gehörte.

»Wir ziehen nach Amerika«

Dass der bayerische König im 19. Jahrhundert kein großes Interesse daran hatte, tausende von jungen wehr- und arbeitsfähigen Burschen zu verlieren, versteht sich. Es wurde den Ausreisewilligen nicht leicht gemacht, die Heimat zu verlassen. Sie mussten einen Antrag auf Auswanderung stellen, einen Vermögensnachweis und den Nachweis erbringen, dass sie den Wehrdienst abgeleistet hatten. Außerdem musste der Plan zur Auswanderung öffentlich bekannt gemacht werden, sodass etwaige Gläubiger noch ihre Schulden einfordern konnten. Erst, wenn das alles vorlag, wurde der Reisepass für eine einmalige Reise ausgestellt.

1847 schreibt der Autor Ludwig Steub (1812–1888) in seinem Buch Sommer in Oberbayern über die Gesänge der Oberbayern – und darüber, dass viele Sänger ihre Lieder nicht veröffentlicht sehen wollen. Sie sängen ihre Lieder gegen die Eisenbahn oder gegen die Telegraphie lieber, wie man heute sagen würde, unter dem Radar. Steub schreibt, die Sänger seien »nicht immer geneigt, ihre Gesänge anzugeben. Daher ist es höheren Ortes nicht einmal bekannt, dass sich ein kleines Lied vorfindet, zwar nicht hochpoetisch, aber doch beliebt, welches die Auswanderung nach Amerika besingt. Es lautet:

Jetzt ist die Zeit und Stunde da / Jetzt reisen wir nach Nordamerika. / Unsre Wagen stehen vor der Tür, / Mit Weib und Kindern ziehen wir.«

Es ist wohl deutschland- und österreichweit das bekannteste Auswandererlied, das Ludwig Steub den Seebrucker Wirtshaussängern abgelauscht hatte. Im Burgenland Bunch Songbook, herausgegeben durch eine Online-Initiative von Nachkommen burgenländischer Auswanderer, werden mehrere Varianten des Liedes publiziert. Eine der Varianten betont den Freiheitsaspekt besonders:

Jetzt ist die Zeit und Stunde da, / wir reisen nach Amerika, / die Pferde sind schon angespannt, / wir reisen in das Freiheitsland

Und wie das Schiff am Wasser schwimmt, / werdn Freiheitslieder angestimmt, / wir fürchten keinen Wasserwall, / und danken, Gott ist überall.

Die Freiheit, die in den Auswandererliedern besungen wird, muss nicht zwingend die politische Freiheit sein, die sich die Forty-Eighters, die nach der missglückten 1848er-Revolution emigrierten Deutschen und Österreicher, erträumt haben. Gemessen an dieser Auswanderungsgruppe spielen diejenigen, die nach Amerika als religiöses Freiheitsland einwanderten, eine weitaus größere Rolle. Mennoniten – sie wurden beim Augsburger Religionsfrieden 1555 ausdrücklich vom ius emigrandi, dem Recht, auswandern zu dürfen, ausgenommen – und Hutterer fanden in den USA und Kanada ihr Freiheitsland. Noch heute sind in der Hutterer-Kolonie Fairholme im kanadischen Manitoba Gesänge in deutscher Sprache zu hören. Die Südtiroler Musikwissenschaftlerin und Journalistin Judith Rubatscher hatte sich im Sommer 2019 in die Kolonie der aus Tirol stammenden Hutterer begeben; die Lieder, die sie aufzeichnen konnte, dokumentierte sie in einem Buch mit dem bezeichnenden Titel Singen is a part vu unsern Lebm. Mit ihrem Aufnahmegerät begleitete Judith Rubatscher die Bewohner der Kolonie in die Küche, ins Schlachthaus (eine große Überwindung), in die Schule, Kirche und aufs Feld. So konnte sie die jeweils dort gesungenen Lieder, die Teil des Tagesablaufs der Hutterer sind, aufnehmen.

Auch jüdische Emigranten aus Bayern suchten bereits im 19. Jahrhundert in Amerika eine neue, freie Heimat. Der Hintergrund: In dem 1813 erlassenen Judenedikt wurden jüdische Bürger in den Orten zwar toleriert, aber für jede Kommune wurde eine Höchstzahl festgelegt; wenn ein Paar heiraten wollte, musste es erst die Genehmigung der Obrigkeit einholen. Somit waren der Freizügigkeit von vorneherein Grenzen gesetzt, da niemand Grunderwerb oder eine Familie planen konnte, ohne Gefahr zu laufen, in letzter Minute wieder fortgeschickt zu werden. Als die 2023 verstorbene Musikerin Andrea Pancur im Jahr 2012 mit ihrem Projekt Alpenklezmer begann, bayerische und jüdische Musiktraditionen zu vergleichen, wurde sie auch in New York fündig, wo Klezmer-Musiker bayerische Lieder wiedererkannten, weil sie beispielsweise von der Großmutter gesungen worden waren.

Gemeinschaftliches Singen bei den Hutterern

Foto: Judith Rubatscher

Emerenz Meier: Sinnsuche out of Heimat

Nun war bisher kaum die Rede von bayerischen Auswanderern, die keiner Randgruppe angehörten: Auch viele von ihnen suchten Freiheit: Geistige Freiheit, soziale Freiheit, Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Andere – nicht zu wenige – flüchteten vor der Verantwortung, weil sie eine Frau geschwängert hatten oder weil sie wegen krimineller Taten gesucht wurden. Oder sie e­mi­grier­ten schlicht aus Armut, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Emerenz Meier (1874–1928), die Bayerwald-Dichterin, die 1906 nach Chicago auswanderte, gehört beiden Gruppen an: der, die mit ihrer Familie aus Not emigrierte und der, die geistige Freiheit suchte. Die Musikerin Monika Drasch hat Emerenz Meier ein Bühnenprogramm und ein Album gewidmet, hat etliche ihrer Gedichte vertont – und so die Sinnsuche der Bayerwaldlerin zu einem musikalischen Thema gemacht.

»… Beeindruckend sind ihre Texte, wenn sie über die Liebe zur Heimat, das Weggehen oder die Schwermut der Wäldler schreibt. Wo sie sich auflehnt, frech ausspricht, was sie stört, bewundere ich ihren Mut und die Kraft ihres Ausdrucks. Die neuen Melodien zu den Gedichten sind geleitet von Stimmung und Sprachrhythmus der Texte, beeinflusst von der Harmoniefolge alter niederbayerischer Passionslieder, der Klanglichkeit trotziger Kinderlieder, des Musizierstils der Innviertler Landlermusikanten. Die Lust an Traditionellem wie Neuem teile ich mit Siegfried Haglmo und Wolfgang Neumann. Mit deren Inspiration und musikantischer Freude sind die Arrangements entstanden. Die Traditionals sind so ausgewählt, dass Emerenz Meier sie gekannt und gemocht haben könnte.« [Monika Drasch, Text im Booklet zu Emerenz Meier out of Heimat.]

Emerenz Meier, 1880

»Somit waren der Freizügigkeit
von vorneherein Grenzen gesetzt.«

Freizügigkeit, Freiheit und Verbannung

Freizügigkeit – das Wort wird heute vielseitig ausgelegt. Vom zu knappen Bikini bis zum toleranten Umgang mit Kunst. Ursprünglich ist damit aber die Freiheit gemeint, dahin zu ziehen, oder umherzuziehen, wie und wohin man will. Die freie Wahl des Aufenthaltsortes. 1862 wurde es von Kaiser Franz Joseph (1830–1916) den Österreichern gewährt, für Bayern greift das am 1. November 1867 von Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) erlassene Freizügigkeitsgesetz erst im Jahr 1871.

Wohin jemand reist oder e­mi­griert, war bis dato nicht die freie Entscheidung des Reisewilligen. Freizügig vergaben allerdings ungarische, russische, amerikanische, schweizer und österreichische Herrscher Land an Deutsche und Österreicher, wenn auch nicht ganz uneigennützig. Den im Mittelalter wohl wegen zu großer Bevölkerungsdichte aus dem Oberwallis ausströmenden Walsern wurde im heutigen Frankreich, Italien, der Schweiz und Österreich Gebiete zugewiesen, die entweder in Gegenden lagen, die urbar gemacht werden sollten oder strategisch an Pässen; so, dass die Immigranten bei feindlichen Einfällen die Ursprungsdörfer verteidigen mussten. Ähnlich verfuhr König Géza II. (1130–1162). Im 12. Jahrhundert gewährte er Mi­gran­ten aus Flandern, dem Moselgebiet und dem Mittelrhein Land gegen Verteidigungsbereitschaft gegen Feinde aus dem Osten. Auch Katharina die Große (1729–1796) lud mit ihrem Kolonistenbrief im Jahr 1763 Deutsche ein, das Wolgagebiet zu besiedeln. 104 Dörfer gründeten die Bayern, Pfälzer, Badener und Hessen und machten das Steppengebiet urbar; auch sie hatten die Aufgabe, Überfälle von Feinden abzuwehren. Die Bevölkerung behielt sich ihre Sprache und ihre Lieder bei. Unter Stalin wurden 400.000 Wolgadeutsche auf grausame Art in den Ural und nach Sibirien deportiert und hatten, neben unsäglichen Torturen und Qualen, im Lauf der Generationen drei Heimatländer. In­ter­es­sant beim Liedrepertoire der Wolgadeutschen sind deren verschiedene Begriffe von Heimat: Nach der Deportation beklagten sie in deutscher Sprache den Verlust der Wolgaheimat, gleichzeitig wurde in vielen Familien aber Deutschland als eigentliches Heimatland hochgehalten.

Der russische Germanist Georg Dinges (1891–1932) erstellte 1932 eine umfangreiche Sammlung wolgadeutscher Lieder. Wegen Spionage und seinem großen Interesse an der deutschen Sprache wurde er zu drei Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt; er starb im gleichen Jahr an Typhus. Verbannung und Deportation: Das genaue Gegenteil von Freizügigkeit.

Der reiche Schatz an religiösen Liedern aus dem Wolgagebiet ist allerdings, dank Dinges’ Sammeltätigkeit und der Arbeit des Sammlers und Lehrers Konrad Scheierling (1924–1992) wieder in die deutsche und bayerische Heimat zurückgekehrt. Vor allem in den letzten vier Jahrzehnten sind etliche Marien-, Passions- oder Adventslieder bei bayerischen Veranstaltungen oder Gottesdiensten zu hören. Viele der Lieder erklingen in Moll, so, wie sie im 18. Jahrhundert aus Bayern oder Baden an die Wolga gewandert sind.

Konrad Scheierling

Das Ungarland ist reichstes Land: Freiheitsländer in Südosteuropa und ihre Lieder

Den Namen Konrad Scheierling hörte ich zum ersten Mal 1969 auf dem Hof von Jutta und Ferdl Kerber. Die Kerbergruppe bediente sich des Materials des in der Batschka geborenen und mit seinen Eltern 1946 nach Pähl in Oberbayern geflüchteten Liedersammlers. Der Grund: In Bayerisch Schwaben waren nicht so viele Lieder aufgezeichnet worden wie etwa in Oberbayern oder Österreich. Und die Lieder, die Konrad Scheierling in seinen vielen Bänden her­aus­ge­ge­ben hatte, implizierten vielfach den Begriff Schwaben. Da gab es die Lieder aus der Schwäbischen Türkei (ein Gebiet südlich des Plattensees) oder die Gesänge der umgangssprachlich so genannten Donauschwaben. Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) hatte Deutsche aus verschiedenen Regionen eingeladen, die Gebiete zu besiedeln, die an der Grenze zum Osmanischen Reich lagen. Also wieder das alte Muster: Wüstes Land, menschliche Verteidigungspuffer. Über 150.000 Siedler gestalteten die im heutigen Serbien, Rumänien und Ungarn gelegenen Gebiete (Batschka, Banat, Sathmar) zur Kornkammer der Donaumonarchie. Wirtschaftliche Not ließ die meisten von ihnen ihr Land verlassen. Freiheit war für sie hauptsächlich wirtschaftlich definiert: Frei von Hunger und Armut zu sein, war ein Motor zur Migration. Warum hießen sie Donauschwaben? Die meisten der Siedler bestiegen im schwäbischen Ulm die sogenannten Ulmer Schachteln. In einigen Liedern (Mei Vater is a Tischler, Soll i füre fahrn, Die Donau fließt) sind die Gefühle der Auswanderer thematisiert. Dank der unermüdlichen Arbeit von Wolfgang A. Mayer, der die Sprachinseln in Rumänien und Ungarn besucht und dort viele musikalische Kontakte geknüpft hat, sind aber auch viele andere Lieder der Donauschwaben quasi wieder nach Bayern zurückgeflossen. Volksmusik-Fachfrauen wie Dagmar Held und Monika Baumgartner sorgen mit ihren Publikationen dafür, dass die Lieder stil- und zeitgerecht publiziert werden. Und längst sind sie fester Bestandteil im Repertoire der bayerischen Singnarrischen geworden.

Der kolorierte Kupferstich von Johann Hans (1765–1826) von ca. 1810 zeigt u. a. eine Ulmer- Schachtel.

»Lustig ist das Zigeunerleben«

Wie es der Zufall will: Auch dieses Lied ist mit Jutta Kerber verknüpft, die mir damit die ersten drei Griffe auf der Gitarre beibrachte: Die Akkorde D-Dur, A-Dur, G-Dur. Über den genauen Inhalt des Liedes habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Dass es ein schönes Bild des Lebens von Sinti und Roma zeichnet, kam aber natürlich auch bei der damals 14jährigen an. Interessant ist die Interpretation von ­Mara Kayser auf der Seite ­MusikGuru.de: »Das Lied beschreibt ein freies und selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Natur. Es wird eine heitere Lebenseinstellung vermittelt, selbst in schwierigen Situationen. Die wiederkehrende Melodie und der Refrain erzeugen eine festliche Stimmung. Es wird betont, dass die Zigeuner keine materiellen Sorgen haben und die Freiheit schätzen. Die Natur spielt eine zentrale Rolle, da sie Zuflucht und Lebensraum bietet.«

Musizierender Roma

Foto: Karel Cudlí

Selbstbestimmung, Heiterkeit, Freiheit: Genau das wünschen sich die meisten Menschen. Lieder wie dieses – in Bayern kennt man noch das Lied vom schwarzen Zigeiner – vermitteln ein Bild von allem, wonach man sich sehnt: Freiheit in der Auswahl des Ortes, der Gedanken, der Partner. Aber abgesehen davon, dass man inzwischen das Wort Zigeuner wegen seiner diskriminierenden Konnotation nicht mehr verwendet: Diese Lieder, meist im 19. Jahrhundert entstanden, geben zu denken. Denn das, was man sich selber wünscht, neidet man denen, die dieses freie Leben vermeintlich führen. Im Allgemeinen wollten wohl die wenigsten Sesshaften mit Sinti und Roma zu tun haben. Aufgrund ihres nomadischen Lebens hatte man Angst vor ihnen, aus dem gleichen Grund verweigerten sie sich aus dörflicher Sicht sozialen Regeln, wurden vielfach des Diebstahls oder sogar des Kindesraubs bezichtigt. Was wohl daher kommt, dass Sinti- und Roma-Kinder unter Maria Theresia ihren Eltern entzogen wurden; als diese ihre Kinder wieder in die Familie holen wollten, wurden sie als Kinderfänger abgestempelt.

»Selbstbestimmung, Heiterkeit, Freiheit«

Titelseite einer Notenausgabe
Plakat für die Operette Der Zigeunerbaron von Johann Strauß, 1885

Wien Museum, Inv. Nr. 76.276/109

1758 wurden die Roma in Österreich gezwungen, sesshaft zu werden, sie durften nur mit Erlaubnis und genauer Zielangabe die zugewiesenen Dörfer verlassen. Auch in Bayern galt das bereits erwähnte Freizügigkeitsgesetz von 1871, das das freie Reisen und die Selbstbestimmung des Aufenthaltsortes für deutsche Bürger gewährleistet, nicht für Sinti und Roma. Auch hier gab es Anordnungen, sie zwangsweise sesshaft zu machen. Auf der Münchner Zigeunerkonferenz 1911 wurde gefordert, Zigeuner vom öffentlichen Verkehr, Eisenbahnen und Schiffsverkehr auszuschließen. Nicht auszudenken, dass das die gleichen Menschen waren, die sich abends mit der Operette Zigeunerbaron entspannten. Denn hier sind sich wohl alle einig: Wenn es um Musik geht, sind Sinti und Roma akzeptiert. Zigeunerklänge vermitteln ein Gefühl von Sehnsucht, von Leidenschaft, von Ungebundenheit, von Freiheit. In der alpenländischen Musik ist die Bezeichnung Zigeuner meist Garant für besonders schmissige Stücke, womöglich noch mit einem fetzigen Moll-Teil. Bei einer Zigeunerpolka oder einem Zigeunermarsch – sie werden auch heute noch so genannt – hinterfragt niemand, wie die Komponisten oder Musikanten in Wirklichkeit zu Sinti und Roma stehen. Auch Tobi Reiser (1907–1974) vermittelt mit dem Maxglaner Zigeunermarsch vor allem gute Laune. Nach eigener Aussage ist der Marsch entstanden, nachdem Reiser einen Faschingszug im Salzburger Stadtteil Maxglan erlebt hatte, bei dem die Bürger sich als »Zigeuner und herumziehendes Gesindel« verkleidet hätten. Lange war den vielen Musikanten, auch der neueren Volksmusikszene, die den Marsch spielten, ein tragischer Zusammenhang nicht klar: Zwischen 1940 und 1943 befand sich in Maxglan ein Zwangslager für Sinti und Roma, allgemein als Zigeunerlager bezeichnet. Ein Großteil der Inhaftierten wurde ins Konzentrationslager nach Ausschwitz-Birkenau verbracht. Ob sich Tobi Reiser den Zusammenhang klar machte, machen wollte? Wenn auch den Sinti und Roma die Freiheit des Reisens verwehrt wurde, ihnen Lebenswürde abgesprochen wurde: Ihre Musik bereist die Welt; Melodien lassen sich nicht einsperren. Nicht in Maxglan, nicht in Seebruck und nicht in der ehemaligen DDR, wo man sich das Fernweh vor der Wende mit Wanderliedern von der Seele sang.

Internierte Sinti und Roma im Lager Maxglan

Foto: Verein Ketani

Literatur und Quellen

  • Baumgartner, Monika: Lauter liabste Lieder, Oberflossing, Oberneukirchen 2019.
  • Drasch, Monika: Emerenz Meier – out of ­Heimat, München 2005.
  • Dreier-Andres, Wolfgang und Hochradner Thomas: Im Blickpunkt Tobi Reiser, Salzburg 2011.
  • Hamm, Margot, Henker, Michael, und Brockhoff, Evamaria (Hg): Good Bye Bayern – Grüß Gott America. Auswanderung aus Bayern nach Amerika, Göttingen 2003.
  • Hanneken, Bernhard: Deutschfolk. Das Volksliedrevival in der BRDDR, Rudolstadt 2020
  • Hanneken, Bernhard: Deutschfolk. Soundtrack zum Volksliedrevival in der BRDDR, Booklet zu CD 2 Noethno, 2021.
  • Held, Dagmar: https://www.volksmusik-magazin.de/liederlust-♪-61-sollt-i-vuere-fahrn/ und https://www.volksmusik-magazin.de/liederlust-nun-leb-wohl-du-schoene-stadt/ (zuletzt aufgerufen: 5.10.2026).
  • Pancur, Andrea: Alpenklezmer (CD), 2013.
  • Rubatscher, Judith: »Singen is a part vu unsern Lebm.« Musik bei den Hutterern von ­Fairholme/Manitoba, Innsbruck 2023.
  • Scheierling, Konrad: Deutsche Volkslieder aus der Schwäbischen Türkei mit ihren Weisen, Berlin 1960.
  • Scheierling, Konrad: Geistliche Lieder der Deutschen aus Südosteuropa, Kludenbach 1987.
  • Schmidt, Leopold: Historische Volkslieder aus Österreich, Wien 1971.
  • Sieder, Reinhard und Szabó-Knoti Sieder (Hg): Musikalischer Populismus und politischer Kollektivismus in den 1920er- und 1930er-Jahren, in: Musik Kulturen. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Jg. 14, Heft 1, 2003, S. 39–52.
  • Steub, Ludwig: Sommer in Oberbayern, ­München 1947.
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Aufmacher:
Berlin, Prenzlauer Berg. Bornholmer Straße. Bornholmer Brücke, 11. November 1989: Grenzöffnung. Mauerfall

Foto: Bundesbildstelle/Lehnatz

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